18.10.2009
Vor gut zwei Jahren verschwand Tanja, 21. Ihre Eltern versuchen, mit der Ungewissheit zu leben
Korlingen. “Leben, das ist so ein Wort”, sagen Waltraud und Karl Hans Gräff. “Wollen wir es Leben nennen?” Wenn sie morgens aufstehen, nachdem die Nacht den Gedanken gehörte, der Erinnerung. Wenn sie durch das Haus laufen. Durch dieses “zu große, zu kalte, zu tote Haus”, zu dem es vor knapp zweieinhalb Jahren geworden ist. Wenn sie das Alltägliche machen, ohne Interesse zu haben. Gräffs haben das Interesse am Leben verloren, seit dem 7. Juni 2007. “Leben, das ist so ein Wort.” Und doch ist das Leben weitergegangen. Irgendwie zumindest.
Seit vor knapp zweieinhalb Jahren, am 7. Juni 2007, ihre 21 Jahre alte Tochter Tanja verschwand. Sie ging auf eine Studentenparty in Trier und kam nie wieder. Und das Haus am Hang wurde zu groß, zu kalt, zu tot. Gräffs wissen nicht, wie lange sie es noch in diesem Haus aushalten können.
Sie denken daran, dass Tanja weg ist. Sie denken darüber nach, wie sie den Tag rumkriegen werden. Und irgendwie geht der Tag rum. Wie alle Tage seit Tanjas Verschwinden. “Du lenkst dich ab, du gehst arbeiten, das läuft vorbei. Es ist wie dein zweites Leben”, sagt Waltraud Gräff. “Und irgendetwas ist da, dass du dich nicht in die Ecke setzt und darauf wartest, dass du stirbst.”
Die Polizei hat ihre Ermittlungen eingestellt, die Kommission, die sich mit dem Verschwinden von Tanja Gräff beschäftigte, aufgelöst. Die Beamten gehen davon aus, dass Tanja Gräff einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Ein Mann wurde in jener Nacht bei ihr gesehen. Doch nie gab es einen Anhaltspunkt, wer dieser Mann gewesen sein könnte. Die Polizei suchte nicht nach der Nadel im Heuhaufen, sie suchte den Heuhaufen. So beschrieben es jedenfalls die Ermittler. Nie gab es einen Anhaltspunkt, daran änderten auch die 30 000 Euro Belohnung, die es bis heute für Hinweise gibt, nichts.
Gräffs sagen, sie machen ihre Pflicht. Sie arbeiten, sie halten das Haus instand. Nicht mehr, nicht weniger. Sie haben keine Perspektiven, keine Freude. “Für andere geht das Leben weiter. Wir stecken in der Trauer, uns quält die Ungewissheit”, sagt Waltraud Gräff. Die Trauer und die Ungewissheit beherrschen jeden Tag, manchmal werden sie zu Verzweiflung. Immer denken sie an ihre Tochter. Sie denken darüber nach, was passiert sein könnte, sie denken darüber nach, wo ihre Tochter ist. “Man denkt: Ist sie ermordet worden? Ist sie verschleppt worden?”
Waltraud und Karl Hans Gräff waren bei Therapeuten, besuchen Trauergruppen. Doch die Trauer ist geblieben. Die anderen Eltern in der Trauergruppe, deren Kinder durch Unfälle, durch Krankheiten, durch Suizid starben, könnten irgendwie abschließen, sagen Gräffs. “Wir können es nicht. Die Ungewissheit haut einen um.”
Karl Hans Gräff hat eine Holzbank im Garten hinter dem Haus aufgestellt. Dort sitzt er und schaut auf den Weg, der sich eine Anhöhe hinaufzieht. Oben am Hügel lief seine Tochter immer entlang, wenn sie von einer Freundin kam. Karl Hans Gräff, ein stiller, in sich gekehrter Mann, 65 Jahre alt, schaut auf diesen Weg und denkt, dass er seine Tochter irgendwann dort oben sehen wird. “Einmal muss sie den Weg runterkommen”, sagt er mit rauer Stimme. Er fühlt, dass seine Tanja lebt. Er kann es nicht begründen. “Meine Tochter ist zäh, so einfach würde sie nicht aufgeben.” Dann redet er davon, dass Zuhälter auf der Party gewesen sein sollen. Er spricht von Zwangsprostitution, von Schlepperbanden, von organisierter Kriminalität. Karl Hans Gräff klammert sich an diese Geschichten und schaut auf den Weg.
“Wir haben unterschiedliche Ansichten”, sagt seine Frau. Ihre Tochter sei tot, sagt sie. Sie habe keine Chance gehabt. Natürlich hoffe sie, dass es eines Tages an der Haustür klingelt, die Tochter vor ihr steht und sagt: “Mama, ich bin wieder da.” “Aber das ist nicht die Realität. Ich weiß genauso viel, genauso wenig, wie mein Mann. Ich glaube, sie ist tot. Ich kann es nicht erklären. Ich werde sie nie mehr sehen, ich werde sie nie mehr lachen hören, nie mehr reden hören.” Sie fühlt es, seit sie bei der Polizei die Vermisstenanzeige erstatteten.
Gestritten haben sich Gräffs nicht darüber, ob die Tochter noch lebt oder nicht. Was würde es auch bringen? Es würde keine ihrer Fragen beantworten. Im Haus fehlen die Kleinigkeiten, die das Leben ausmachen. Bilder von Tanja stehen auf den Schränken, hängen an den Wänden. Ein Küchenstuhl ist ihrer, tagsüber steht die Tür zu ihrem Zimmer offen. “Damit sie nicht so alleine ist.” Im Inneren ist fast alles geblieben, wie es am 7. Juni 2007 war. Das Blade-Poster und das Sin-City-Poster an den Wänden, Fotos von Freunden, die To-do-Liste auf dem Schreibtisch. Bücher in den Regalen: Die Welt der Indianer, Herr der Ringe, Mangas. Orchideen auf den Fensterbänken. Eine Rose liegt auf dem Bett. Auf einer Karte steht: “Du bist unserem Herzen ganz nah.”
Der Geruch der Tochter hat das Zimmer mittlerweile verlassen, nur im Kleiderschrank ist er geblieben. Wenn Waltraud Gräff Staub wischt und sich um die Orchideen kümmert, dann stellt sie die CD in der Stereoanlage an, hört Justin Timberlake, auch wenn es nicht ihre Musik ist. Dann fühlt sie sich Tanja nahe. Doch immer kann sie nicht in dem Zimmer sein und die Musik hören.
Meistens redet Waltraud Gräff, während ihr Mann schweigt. Sie sagt, er sei ausgeglichen. Manchmal habe seine Ruhe sie fast wahnsinnig gemacht. Aber vielleicht brauche sie diese Ruhe, habe sie auch gebraucht, als sie vor 29 Jahren geheiratet haben. Doch dann macht die Ruhe sie wieder unruhig. Dann macht sie Sport, Tag für Tag. “Ruhe haben wir genug im Haus”, sagt sie.
Sie versuchen, sich gegenseitig zu helfen. Sie geben sich Halt, so dass sie zumindest “funktionieren”, jedenfalls äußerlich. Mit den kurzen blonden Haaren und der roten Brille verbirgt die Dreiundfünfzigjährige ihre Seele. Doch in ihren Augen und in denen ihres Mannes kann man es sehen: “Das Herz schreit.” Sie fahren in den Urlaub. Am Bodensee waren sie, sind gewandert und haben gelacht. “Aber es ist nicht mehr unbekümmert.” Sie treffen sich mit Freunden. Für manche ist es schwer, nachzuvollziehen, dass Gräffs trauern. Dann hören sie Sätze wie “Das Leben geht weiter”, aber es geht nicht weiter. Andere versuchen, Verständnis zu zeigen. Aber wer kann verstehen? Niemand, der nicht in ihrer Situation sei, sagen Gräffs.
Vor Monaten hat die Gemeinde ihnen eine Grabstätte auf dem Friedhof angeboten, als Platz zum Trauern. Gräffs haben abgelehnt. Sie brauche keinen Platz zum Trauern, sagt Waltraud Gräff. “Auch wenn ich weiß, wenn ich fühle, dass meine Tochter tot ist, widerstrebt es mir, zum Grab zu gehen. Außer sie wird gefunden. Ein Stück Herz ist da, das es nicht wahrhaben will. Vielleicht lässt mich dieses Stück überleben.”
Es ist dieses Stück, das sie von sich erzählen lässt. Das kleine Stück Hoffnung, das da bleibt. Dass irgendjemand davon erfahren könne, der etwas weiß. Dass der Täter oder ein Mitwisser der Polizei sagt, wo Tanja ist. Und es ist der Wunsch, dass Tanja nicht vergessen wird. Wenn die Tage rumgehen, die Zeit weitergeht, und Gräffs irgendwann vollkommen alleine sind mit ihrer Trauer, “für die in der Gesellschaft kein Platz ist”.
Abends geht Karl Hans Gräff in das Zimmer seiner Tochter. Er zündet ein Licht an und betet für seine Tochter, in der Hoffnung, das es etwas bringt. Er spricht mit seiner Tochter und sagt: “Komm wieder nach Hause.” Ob ihm der abendliche Gang hilft, weiß er nicht. “Ich lasse meinem Mann das”, sagt seine Frau. Wenn er das Zimmer verlässt, sagt er “Gute Nacht” und schließt die Tür.
Waltraud und Karl Hans Gräff wissen nicht, wie es sein wird, wenn ihre Tochter gefunden werden sollte. “Vielleicht können wir dann wieder leben.” Doch Leben, das ist so ein Wort.
Text: F.A.S.